Deutsch-Israelischer Freundeskreis Ingelheim e.V.
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Stolpersteine

Zwölf weitere Stolpersteine verlegt

Die zwölf Menschen, denen die Stolpersteine im Jahr 2010 gewidmet wurden, sind Angehörige der zwei Ingelheimer Familien Kahn und Mayer. Um den Lesern ihre Schicksale ein wenig näher zu bringen, seien hier ihre  Lebensstationen kurz skizziert.

Das Projekt Stopersteine wurde von dem Kölner Künstler Gunter Demnig zur Erinnerung an die Vertreibung und Ermordung der Juden und anderer Verfolgter durch die Nazi-Diktatur ins Leben gerufen (siehe www.stolpersteine.com). Er setzte auch die Steine. Die Initiatoren wollen damit erreichen, dass diesen Menschen gedacht wird und ihr Schicksal unvergessen bleibt. Wer lesen will, was auf den Steinen geschrieben steht, muss man sich herunterbeugen. Dieses Verneigen ist eine Geste der Ehrerbietung vor den Opfern. Die Steine aus Messing wurden auf dem Gehweg eingelassen. 

 


Gunter Demnig bei der Verlegung am Synagogenplatz.

1Louis Ludwig und Betty Langstädter

Der Ober-Ingelheimer Lehrer Louis Ludwig Langstädter wohnte im Vorderhaus der Synagoge, Stiegelgasse 25. Während des Pogroms am 9. - 10. November 1938 wurde seine Wohnung verwüstet, so dass er zu seinem Schwager Leo Krauskopf nach Mainz ziehen musste. Von dort wurden er, seine Frau Betty, sein Schwager und seine Schwägerin Paula 1942 in den Osten deportiert. Informationen über ihren weiteren Verbleib liegen nicht vor. Die Ehepaare wurden höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

 

 

 

Pressestimmen: AZ vom 3. November 2010:

Nur Enkeltochter überlebt

03.11.2010 - INGELHEIM

Von Beate Schwenk

GEDENKEN Messingplatten im Neuweg in Ober-Ingelheim erinnern an die Familien Kahn und Krauskopf



Vor wenigen Wochen hat der Kölner Künstler Günter Demnig auf Initiative des Deutsch-Israelischen Freundeskreises (DIF) zwölf weitere Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt. Sie erinnern an Ingelheim Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.Wer waren die jüdischen Familien, an die mit den Gedenktaflen aus Messing erinnert wird? Dieser Frage geht die Allgemeine Zeitung in einer vierteiligen Serie nach. Heute wird die Familie Kahn portraitiert.

Von den vier Kindern des jüdischen Ehepaares Rieke und Salomon Kahn hat nur eines die NS-Zeit überlebt. Frieda Kahn, geboren am 24. Oktober 1893 in Ober-Ingelheim, gelang die Flucht nach Übersee. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Joseph Odenheimer und ihren beiden Söhnen Hans und Werner emigrierte die Ober-Ingelheimerin nach Kalifornien. Friedas Schwestern Elisabetha (verheiratete Langstädter) und Paula (verheiratete Krauskopf) sowie ihr jüngerer Bruder Harry Kahn überlebten den NS-Terror nicht. Alle drei wurden 1942 deportiert und ermordet.

An die Familie, die in Ingelheim zunächst einen Viehhandel betrieb und später wohl ein Hutgeschäft, erinnern heute vier Stolpersteine in Ober-Ingelheim. Die Messingplatten, die vor dem Wohnhaus im Neuweg 1 verlegt wurden, sind Rieke Kahn, geborene Fränkel, ihrem Sohn Harry Kahn, ihrer Tochter Paula und deren Ehemann Leo Krauskopf gewidmet. In dem Anwesen wohnte die jüdische Familie bis in die 1930er Jahre.

Rieke Kahn war die Witwe des Viehhändlers Salomon Kahn, der im Volksmund „Kuh-Kahn“ genannt wurde. Der Geschäftsmann war am 1. Januar 1915 im Alter von nur 54 Jahren gestorben. Nach seinem Tod scheint sich die Familie auf ein neues Geschäftsfeld begeben zu haben. In einer Anzeige im Rheinhessischen Beobachter wurde im Jahre 1916 mehrmals für eine große Auswahl an „einfachen und eleganten Damen- und Kinder-Hüten“ geworben. Velour-, Lack- und Samthüte wurden im Neuweg ebenso verkauft wie Trauerhüte und Straußenfedern.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verschärfte sich die Lage für die jüdische Bevölkerung überall im Land. Durch Boykottaufrufe und Hetzkampagnen wurde den Geschäftsleuten das Leben schwer gemacht. Viele verloren ihre Existenzgrundlage und trugen sich mit dem G edanken, ihre Heimat zu verlassen. Auch in der Familie Kahn wurde die Flucht ins Ausland diskutiert. Während Paula und Leo Krauskopf in Deutschland blieben und ebenso wie Betty Langstädter (geborene Kahn) 1942 von Mainz aus deportiert wurden, entschieden sich Rieke und Harry Kahn für die Emigration.

Bereits 72-jährig floh die Witwe nach Frankreich und folgte somit ihrem Sohn Harry und ihrer Enkelin Lotte, Tochter von Paula und Leo Krauskopf. Doch auch in Frankreich war die Familie vor dem NS-Terror nicht sicher. Als die deutschen Truppen im Mai 1940 in Paris einmarschierten, nahm sich Rieke Kahn das Leben. Ihr Sohn Harry, damals 42, wurde im Gefangenlager Drancy interniert und am 19. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert. Aller Wahrscheinlichkeit ist Harry Kahn dort ermordet worden.

Von den drei Familienmitgliedern, die sich durch die Flucht nach Frankreich in Sicherheit bringen wollten, überlebte somit nur Riekes Enkeltochter. Lotte Krauskopf, spätere Mayer, lebte erst in Südfrankreich und dann in Paris, wo die gebürtige Ober-Ingelheimerin 1998 im Alter von 76 Jahren starb.

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Schülerinnen des Sebastian-Münster-Gymnasiums erinnerten an das Ehepaar Lundwig und Betty Langstädter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Stolpersteine für Ludwig und Betty Langstädter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Familie Salomon Kahn



Stolpersteine für Rieke Kahn, ihre Tochter Paula und Schwiegersohn Leo Krauskopf und ihren Sohn Harry Kahn.

 Langstädters Frau Elisabeth (Betty) stammte aus der Familie Kahn, die im Neuweg 1 lebte. Ihre Schwester Paula hatte Leo Krauskopf in Ober-Ingelheim geheiratet. Ihre Tochter Lotte, die nach Frankreich fliehen konnte, wurde hier geboren

  Auch ihr Bruder Harry wurde ermordet. Ihre Mutter floh vor 1939 nach Paris. Betty Langstädter verkaufte ihr Elternhauses 1939 an Familie Winternheimer. Die 73-jährige Rieke Kahn wird nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris im Mai 1940 keinen Ausweg mehr gesehen haben und flüchtete in den Tod. Für sie, Paula und Leo Krauskopf und Harry Kahn werden Stolpersteine vor dem Anwesen Neuweg 1 in das Straßenpflaster gesetzt.

 

 

 

3 Familie Moritz Mayer




Schülerinnen und Schüler der IGS Kurt-Schuhmacher erinnern an die Ermordeten der Familie Moritz Mayer.

 Kurz bevor die Bahnhofstraße in den Ober-Ingelheimer Markt einmündet, dort wo heute die Bushaltestelle ist, betrieb die Familie Moritz und  Henriette Mina Mayer seit 1863 eine Kohlenhandlung. Da viele Familien Mayer hießen, wurden sie „Kohlen-Mayer“ genannt. Sie hatten sechs Kinder. Moritz Mayer starb früh. Sein Sohn Martin verkaufte 1934 die Handlung. Vermutlich wirkte sich der Boykott der jüdischen Geschäfte von 1933 auch hier negativ aus. Moritz Frau Henrietta Mina Mayer lebte in dem Haus noch bis 1939 zur Miete und zog dann nach Mainz. Sie wurde am 28. September 1942 im Alter von 81 Jahren über Darmstadt ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 13. Oktober 1942 an den Folgen der Haft. Für sie und ihre Söhne Ferdinand und Robert werden Stolpersteine vor der früheren Kohlenhandlung in der Bahnhofstraße (jetzt 129) gesetzt. Das Haus steht nicht mehr.

Zwei Kinder von Henrietta Mina und Moritz Mayer konnten sich retten. Die älteste Tochter Alice Babette, verh. Löwensberg und der jüngste Sohn Martin emigrierten in die die USA. Von ihren elf Enkelkindern lässt sich nachweisen, dass neun gerettet wurden, weil sie rechtzeitig ins Ausland gebracht werden konnten, Margot wurde ermordet und ein Schicksal ist unbekannt.











Stolpersteine für Henrietta Mina und ihre beiden Söhne Robert und Heinrich Mayer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 Familie Otto Mayer


Foto: Meyer 1998, S. 368 

 

 

Eine Tochter vom „Kohlen-Mayer“, Olga, war mit Otto Mayer verheiratet, und hieß auch weiterhin Mayer. Otto Mayer arbeitete als Kaufmann und Weinhändler und engagierte sich in der Nieder-Ingelheimer Sanitätskolonne. .

 



Schülerinnen und Schüler der Kaiserpfalz-Realschuoe plus erinnern an Otto, Olga und Margot Mayer.

Die Familie zog mit ihren drei Kindern mehrmals innerhalb von Ingelheim um. Zuletzt mietete sie in der Mainzer Straße 31 (Weingut Mett) im 1. Stock drei Zimmer, Küche und Bad. Otto Mayer wurde erstmals nach dem Novemberpogrom 1938 verhaftet und im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Otto und Olga Mayer schafften es Anfang 1939, ihre beiden jüngeren Kinder Ruth und Berthold nach England in Sicherheit zu bringen. Im September 1939 zogen sie mit ihrer Tochter Margot nach Mainz. Otto Mayer wurde 1942 im Emslandlager Neusustrum inhaftiert und starb an den Folgen der Haft.

Margot Mayer wurde im März 1942 in den Osten deportiert und wahrscheinlich in einem Vernichtungslager bei Lublin ermordet.

 

 

 

 





Stolpersteine für Otto, Olga und Margot Mayer.

 

 

Olga Mayer wurde im September 1942 in den Osten deportiert. Wahrscheinlich ist, dass sie dort in einem Vernichtungslager ermordet wurde. Für Olga, Otto und Margot Mayer wurden in der Mainzer Straße 31 Stolpersteine gesetzt.

 

 

Ruth Mayer, die nach England entkommen konnte und später in die USA emigrierte, besuchte Ingelheim 1998 auf Einladung des Deutsch-Israelischen Freundeskreises und der Stadt Ingelheim am Rhein. 

 

 

 

 

 >>> Pressebericht AZ vom 13. September 2010

„Menschen nach Hause zurückholen“

13.09.2010 - INGELHEIM

Von Beate Schwenk

STOLPERSTEINE Gunter Demnig verlegt zwölf weitere Gedenk-Tafeln in Ober-und Nieder-Ingelheim



Mit einem weißen Tuch poliert Gunter Demnig feinsäuberlich die Stolpersteine, die er soeben vor dem Haus in der Stiegelgasse 25 in den Boden eingelassen hat. Die beiden Messingplatten tragen die Namen des jüdischen Lehrers Ludwig Langstädter und seiner zweiten Ehefrau Elisabetha (Betty). Ludwig Langstädter war von 1908 bis 1933 Lehrer in Ober-Ingelheim und wohnte mit seiner Familie direkt an der ehemaligen Synagoge. Genau dort wurden auch die beiden Stolpersteine für das jüdische Ehepaar verlegt.

Über 22 000 solcher Messingtäfelchen hat der Kölner Künstler Gunter Demnig seit 1992 europaweit verlegt. Mit den Gedenksteinen wollen die Initiatoren an Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten vertrieben, verschleppt oder ermordet wurden. In Ingelheim wurden die ersten 17 Stolpersteine im Jahre 2006 verlegt. Zum Gedenken an die letzten Ingelheimer Juden, die im September 1942 von den Nazis deportiert wurden. Die Initiative ging auf Schülerinnen und Schüler der Anti-Gewalt AG (AGAG) der IGS zurück. Zwei Jahre später folgten sieben neue Stolpersteine. Fünf von ihnen ließ der Deutsch-Israelische Freundeskreis (DIF) platzieren, zwei weitere die Ingelheimerin Brigitte Luithle vor ihrem Haus in der Mainzer Straße 14.

Stationen des Erinnerns

Am vergangenen Wochenende sind dank des Deutsch-Israelischen Freundeskreises nun weitere Steine hinzugekommen. An vier Stellen in Ober- und Nieder-Ingelheim machte sich Gunter Demnig ans Werk und ließ noch einmal zwölf Tafeln in den Boden ein. An jeder der vier Stationen legten Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen Blumen zum Gedenken nieder. Außerdem gaben sie jeweils einen kurzen Überblick über das Schicksal der Betroffenen. In der Schule hatten sich die Jugendlichen zuvor mit dem Thema auseinandergesetzt.

„Die Aktion von Gunter Demnig hilft, jene Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, wieder nach Hause zurückzuholen“, erklärte DIF-Vorsitzender Klaus Dürsch an der ersten Station in der Stiegelgasse. Die zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtäfelchen seien „Orte des Gedenkens“. Vor dem Elternhaus von Betty Langstädter im Neuweg wurden die nächsten Steine platziert. Geehrt werden hier Rieke Kahn, Harry Kahn, Paula und Leo Krauskopf.

Nicht weit entfernt in der oberen Bahnhofstraße war der nächste Halt. Ein Mitarbeiter des Bauhofs hatte auch diese Stelle bereits präpariert, so dass Demnig gleich loslegen konnte. Vor der Bushaltestelle hantierte er mit Kelle und Gummihammer - neugierig beäugt von Passanten, die an der Stelle vorübergingen.

Mit den drei Stolpersteinen in der Bahnhofstraße wird an Henriette Mina Mayer sowie ihre Söhne Robert und Ferdinand erinnert. Das Gebäude, in dem die Familie zuletzt lebte, steht längst nicht mehr. Letzte Station auf der Reise in die Vergangenheit war die Mainzer Straße 31.

Vor dem Hoftor des Weinguts Mett und im Beisein des Winzerehepaares wurden drei Steine für Olga und Otto Mayer sowie deren Tochter Margot platziert. Die Metts waren diesmal die einzigen Anwohner, die die Verlegung begleiteten.

 >>> Pressebericht AZ vom 8. November 2010

Einst Kohlehändler in der Bahnhofstraße

08.11.2010 - INGELHEIM

MAHNUNG Nur noch Messingplatten erinnen an Familie Mayer in Ober-Ingelheim



(pea). Vor wenigen Wochen hat der Kölner Künstler Günter Demnig auf Initiative des Deutsch-Israelischen Freundeskreises (DIF) zwölf weitere Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt. Sie erinnern an Ingelheimer Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.

Wer waren die jüdischen Familien, an die mit den Gedenktafeln aus Messing erinnert wird? Dieser Frage geht die Allgemeine Zeitung in einer vierteiligen Serie nach. Am oberen Ende der Bahnhofstraße war früher eine Holz- und Kohlenhandlung. Genau dort, wo sich heute ein Parkplatz mit Bushaltestelle befindet, hatte die jüdische Familie Mayer bis in die 1930er Jahre ihr Geschäft. Seit 1863 war die Holz- und Kohlenhandlung in Familienbesitz. In dem Laden in der Bahnhofstraße wurden Back- und Tuffsteine, Kaminrohre, Koks oder Wagnerhölzer verkauft. Auch Baumaterialien, Kisten und Koffer waren dort zu bekommen.

Regelmäßig warb der jüdische Kohlenhändler Moritz Mayer im Rheinhessischen Beobachter mit großformatigen Anzeigen. Als Moritz Mayer am 2. Juni 1892 völlig überraschend mit nur 38 Jahren starb, ließ er seine Ehefrau Henrietta Mina Mayer, geborene Stein, mit sechs kleinen Kindern zurück. Wer nach dem Tod des Familienvaters den Betrieb weiter führte, darüber gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Vermutlich aber war es seine Witwe Henrietta Mina. Sie leitet den Betrieb wohl so lange, bis ihr jüngster Sohn Moritz Martin die Geschäfte übernahm.

Am 17. Februar 1933 wurde in der Ingelheimer Zeitung über die „Firma Kohlen-Mayer“ berichtet. Anlass war das 75-jährige Bestehen des Familienbetriebes. Bei dieser Gelegenheit teilte die Zeitung ihren Lesern auch mit, dass die Kohlenhandlung einen neuartigen Küchenbrennstoff auf den Markt bringen werde, der unter anderem „ruß- und schlackenfrei“ sei. In den 1930er Jahren waren in der Holz- und Kohlenhandlung auch Artikel wie Bohnenstangen, Rosenpfähle, Baumstützen oder Einfriedungspfähle zu haben.

1934 wurde das Anwesen der Familie Mayer an den „arischen“ Kohlenhändler Johann Rauth verkauft. Während Moritz Martin Mayer mit seiner Familie nach Berlin zog, wohnte seine Mutter Henrietta Mina zunächst weiter in der Bahnhofstraße. Am 3. Oktober 1939 zog auch sie, wie viele andere Ingelheimer Juden, nach Mainz. Von dort wurde die 81-Jährige am 28. September 1942 über Darmstadt nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 13. Oktober 1942 ermordet wurde.

Freitod als einzige Lösung

An ihr Schicksal erinnert ein Stolperstein, den der Kölner Künstler Gunter Demnig vor der Bushaltestelle in der oberen Bahnhofstraße in den Gehweg eingelassen hat. Rechts und links davon liegen zwei weitere Messingtäfelchen. Sie sind dem Gedenken an ihre Söhne Ferdinand und Robert gewidmet. Ferdinand Moses Mayer wurde am 7. Juli 1887 geboren und war das dritte Kind von Henrietta Mina. Er besuchte bis 1901 die Höhere Bürgerschule in Ober-Ingelheim. Später lebte er in Berlin-Neukölln.

Sein jüngerer Bruder Robert Heinrich Mayer, geboren am 14. Juni 1988, ging bis 1902 auf die Höhere Bürgerschule. Während des Ersten Weltkrieges war Robert Soldat. Mit Unterbrechungen lebte er bis 1922 in Ober-Ingelheim. Später zog er nach Offenbach, wo er als Kaufmann und Fabrikant tätig war. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Robert von der Staatspolizei Offenbach in „Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau gebracht. Wann er wieder entlassen wurde, ist nicht bekannt.

Beide Brüder, Ferdinand und Robert Mayer, überlebten die NS-Zeit nicht. Ferdinand starb am 11. März 1940 in Berlin und Robert am 22. März 1943 in Offenbach. Beide flohen vor den Nazis in den Freitod. Die Brüder wurden nur 52 beziehungsweise 54 Jahre alt.

 >>> Pressebericht AZ vom 23. November 2010

Nur zwei Kinder überlebten in England

23.11.2010 - INGELHEIM

GEDENKEN Messingplatte in der Mainzer Straße 31 erinnert an Otto und Olga Mayer und deren Tochter Margot



(pea). Vor wenigen Wochen hat der Kölner Künstler Günter Demnig auf Initiative des Deutsch-Israelischen Freundeskreises (DIF) zwölf weitere Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt. Sie erinnern an Ingelheim Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Wer waren die jüdischen Familien, an die mit den Gedenktafeln aus Messing erinnert wird? Dieser Frage geht die Allgemeine Zeitung in einer vierteiligen Serie nach.

Die Kinderverschickung nach England dürfte den jüdischen Geschwistern Ruth und Berthold Mayer im Zweiten Weltkrieg das Leben gerettet haben. Denn anders als ihre ältere Schwester Margot entgingen sie der Deportation durch die Nationalsozialisten. Nach der Reichspogromnacht im November 1938 entschieden sich die Eltern Otto und Olga Mayer, ihre beiden jüngeren Kinder Ruth (13) und Berthold (10) nach Birmingham zu schicken. Nur die älteste Tochter Margot Lea, damals 16, blieb bei den Eltern in Nieder-Ingelheim. In der Mainzer Straße 31 hatten die Mayers im 1. Stock eine Drei-Zimmer-Wohnung gemietet.

Otto Friedrich Mayer, Jahrgang 1882, war gebürtiger Nieder-Ingelheimer. Die Eltern, die einen Weinhandel hatten, lebten in der Mainzer Straße und danach in der Grundstraße. Ihr Sohn Otto Mayer stieg in den elterlichen Betrieb ein und arbeitete später als Weinhändler und Kaufmann im Außendienst. Geschäftlich war der nur 1,50 Meter große Mann offenbar nicht sonderlich erfolgreich, dafür engagierte er sich ehrenamtlich in der Nieder-Ingelheimer Sanitätskolonne. Am 23. Januar 1922 heiratete Otto Mayer die Ober-Ingelheimerin Olga Philippine Mayer, Tochter von Moritz und Henrietta Mina Mayer, die eine Kohlenhandlung in Ober-Ingelheim hatten.

Nach der Hochzeit zogen Otto und Olga Mayer mehrfach innerhalb Ingelheims um. Zuletzt mieteten sie sich bei Familie Mett in der Mainzer Straße ein. Nach dem Pogrom 1938 wurde Otto Mayer zum ersten Mal verhaftet und im KZ Buchenwald interniert. Nach seiner Entlassung im Dezember 1938 beschlossen er und seine Ehefrau, die beiden jüngeren Kinder Ruth und Berthold nach England in Sicherheit zu bringen.

Die drei in Deutschland verbliebenen Familienmitglieder zogen am 9. September 1939 von Ingelheim in die Martinstraße nach Mainz. Doch auch dort holte sie der Terror ein. Am 12. Dezember 1941 wurde Otto Mayer erneut verhaftet. Nachdem er mehrere Haftanstalten und Lager durchlaufen hatte, starb er am 26. April 1942 im KZ Neusustrum. Todesursache war laut Krankenakte eine „Kreislaufschwäche“.

Die 19-jährige Tochter Margot wurde am 20. März 1942 in der Mainzer Wohnung der Mayers abgeholt und in den Osten deportiert. Ihr Mutter Olga Mayer blieb nun allein zurück. Der Kontakt mit ihren beiden jüngeren Kindern in England beschränkte sich auf sporadische Briefwechsel. Am 30. September 1942 schließlich wurde auch Olga Mayer deportiert. Ebenso wie ihre Tochter Margot wurde sie in den Osten verschleppt. Beide, Mutter und Tochter, wurden zum 31. Dezember 1945 für tot erklärt.

Ruth und Berthold Mayer, die den Krieg in England überlebten, wanderten 1948 nach New York aus. Erst Jahre später erfuhren sie vom Schicksal ihrer Eltern und ihrer Schwester Margot.

An den letzten Wohnort der jüdischen Familie Mayer in Ingelheim erinnern heute drei Stolpersteine für Otto, Olga und Margot vor dem Haus in der Mainzer Straße 31.

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Verneigung vor den Opfern 2008

Sieben Stolpersteine wurden 2008 vor die Häuser gesetzt, in denen jüdische Ingelheimer gelebt haben, die ermordetet wurden oder deren Schicksal ungewiss ist. Die meisten erinnern an Familienangehörige der Besucher, die im November 2008 n und des Deutsch-Israelischen Freundeskreis Ingelheim e.V. zu Gast waren. Zwei Steine wurden auf Initiative der Hausbesitzerin verlegt:

 

1 Mainzer Str. 14

Lina Koch , JG. 1883, deportiert 1942, Piaski, ???

Alfred Koch , JG. 1886, deportiert, Auschwitz, ermordet 1942

Die Patenschaft übernahm die Albert-Schweitzer-Schule unter Leitung von Frau Nonte.

 


Lina Koch lebte hier, gegenüber von der Remigius-Kirche. Ihre Eltern besaßen vor dem 1. Weltkrieg eine Düngemittelfabrik im Blumengarten. Zur Reichspogromnacht war Lina Koch 57 Jahre alt. Auch in ihre Wohnung drangen die Nazis ein und demolierten sie. Sie flüchtete zur Familie Heinrich und Salomon Strauß, die eine Metzgerei im Saalgebiet hatte. Auch dort waren die Nazis gewalttätig und Lina wurde von einem SA-Mann geschlagen. Lina Koch wurde dann verhaftet. Geld, Schmuck und ihr gesamter Grundstücksbesitz mitsamt dem Gelände der Düngemittelfabrik ihrer verstorbenen Eltern abgenommen und enteignet. Lina Koch wohnte nach ihrer Freilassung in Mainz und wurde 1942 im Alter von 61 Jahren nach Polen deportiert. Ihr Bruder Alfred war in Norddeutschland verheiratet. Er wurde nach Auschwitz deportiert und 1942 dort ermordet.

2 Stiegelgasse 51

Ernst Simon Eisemann , JG. 1891, deportiert, Auschwitz, ermordet 1943


Die Patenschaft übernahm die Integrierte Gesamtschule unter Leitung von Frau Schrader.

 Ernst-Simon Eisemann wurde hier als Sohn des Kolonialwarenhändlers Josef Löb Eisemann und seiner Frau Emma geboren. Er wurde Diplomingenieur und heiratete Meta Offenbacher aus Marktredwitz. Sie ließen sich in Nürnberg nieder. Nach der Geburt ihrer Tochter Ellen 1927 starb die Mutter. Ernst Simon heiratete Metas verwitwete Schwester Lola. Sie bekamen zwei weitere Kinder. Ernst Simon Greif wurde nach Auschwitz deportiert und wurde dort am 28.1.1943 ermordet. Lola war 1939 bereits mit den drei Kindern nach Amerika ausgewandert. Die älteste Tochter Ellen war zu diesem Zeitpunkt 12 Jahre alt. Ellen heiratete 1948 Lucien Greif. Die Eltern von Lucien und Ida Greif lebten von 1913 bis 1924 in Ingelheim und zogen dann nach Mainz um und wanderten später in die USA aus.

3 Bahnhofstr. 23

Karl Neumann , JG. 1872, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 1943

Luise ’Lilly’ Neumann, geb. Mayer , JG. 1882, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 1944

Die Patenschaft übernahm die Realschule unter Leitung von Frau Müller-Algesheimer.

 

  Stolperstein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 Karl Neumann betrieb zusammen mit seinem Bruder Moritz die Weinhandlung Laufer. Der älteste entzifferbare Grabstein von Lillys Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße stammt aus dem Jahr 1885. Ihre Vorfahren sind in Ingelheim bis ins 18. Jahrhundert nachzuweisen. Sie waren also „Alte Ingelheimer“. Während der Reichspogromnacht vor 70 Jahren wurde die Wohnung in der Bahnhofstraße 23 zerstört und unbewohnbar gemacht. Karl und sein Sohn Hans wurden 1938 für ein paar Wochen im KZ Buchenwald interniert. Karl und Lilly zogen nach Wiesbaden, wurden von dort im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Hans Neumann schaffte es im Januar 1939, in die USA auszuwandern. Die AZ schrieb dazu einen .

  

 

 

 Schülerinnen und Schüler der Kaiserpfalz Realschule Ingelheim

verlesen die Lebensgeschichte von Karl und Lilly Neumann in Anwesenheit

ihres Sohnes Harry und von Enkeln und Urenkeln aus den USA und aus Deutschland.

4 Bahnhofstr. 79

Moritz Neumann, JG. 1878, deportiert 1942, Theresienstadt, ???

Hedwig Neumann, geb. Roos, JG. 1883, deportiert 1942, Theresienstadt, ???

Die Patenschaft übernahm das Sebastian-Münster-Gymnasium unter Leitung von Frau Susanne Schwar.

 
 

 StolpersteineStolpersteine

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Moritz Neumann war hier zusammen mit seinem Bruder Karl Teilhaber an der Weinhandlung Laufer. Nach der Machtübernahme durch die nationalsozialistische Diktatur liefen die Geschäfte so schlecht, dass die Brüder das Geschäft 1938 schließlich verkaufen mussten. Sie lebten dann in Wiesbaden, bis sie ca. 1942 von dort ins KZ Theresienstadt deportiert wurden und dort umkamen.
 

 

  Stolpersteine


 

Verlegung von 2006

Die ersten Stolpersteine wurden am 7. August 2006 vor die Häuser gesetzt, in denen die Menschen ihren letzten Wohnsitz hatten, die am 20. September 1942 deportiert wurden. Es war nicht in allen Fällen das Haus, in dem sie den größten Teil ihres Lebens verbracht haben. Manche mussten seit 1933 im Zuge der Arisierung ihren Besitz zangsveräußern. Sie wurden in kleinere Wohnungen zwangseingewiesen.

Laut Verzeichnis der Stadt Ingelheim am Rhein vom 21. September 1942 (Das Faksimile des Schreibens ist in Meyer 1998, Seite 500 abgedruckt) wurden am Vortag folgende Personen deportiert, die sich selbst als Juden bezeichneten bzw. denen das Jude-Sein zugeschrieben wurde:

1 Binger Straße 4

Schäfer, Artur 17.10.1894

(zum Zeitpunkt der Deportation 48 Jahre)

Schäfer, Betty geb. Bendorf 01.02.1904

(zum Zeitpunkt der Deportation 38 Jahre)

Schäfer, Inge 18.09.1927

(zum Zeitpunkt der Deportation 15 Jahre)

 

2 Mainzer Straße 78

Nussbaum, Gustav 11. 01.1874

(zum Zeitpunkt der Deportation 68 Jahre)

Nussbaum, Berta geb. Neuman 15.09.1879

(zum Zeitpunkt der Deportation 63 Jahre)

Nussbaum, Lotte 20.06.1920

(zum Zeitpunkt der Deportation 22 Jahre)

 ....Lebensgeschichte

 

 

Gunter Demnig bei der Verlegung der Stolpersteine

für Familie Nussbaum vor dem Anwesen Mainzerstr. 78

3 Stiegelgasse 51

Eisemann, Marius geb. am 01.12.1890, Stiegelgasse 51

(zum Zeitpunkt der Deportation 52 Jahre)

Eisemann, Thekla geb. Teutsch 27.06.1902,

(zum Zeitpunkt der Deportation 40 Jahre)

 . .....siehe Lebensgeschichte der Familie Eisemann

 

4 Heimesgasse 14

Mayer, Johanna geb. Kapp 23.11.1880 Heimesgasse 14

(zum Zeitpunkt der Deportation 62 Jahre)

... siehe Lebensgeschichte Familie Nussbaum 

 

5 Heimesgasse 6

 

Oppenheimer, Sofie geb. Stein 03.10.1874 Heimesgasse 6

(zum Zeitpunkt der Deportation 68 Jahre), Mutter von Friederike Anna Werthheim

Wertheim, Josef 02.01.1893 Heimesgasse 6

(zum Zeitpunkt der Deportation 49 Jahre)

Wertheim, Friederike Anna geb. Oppenheimer 04.03.1903

(zum Zeitpunkt der Deportation 39 Jahre)

Wertheim, Renate 20.03.1935

(zum Zeitpunkt der Deportation 7 Jahre)

6 Oberer Zwerchweg 24

Kahn, Emilie geb. Loeb 25.05.1879 Oberer-Zwerchweg 24,

(zum Zeitpunkt der Deportation 63 Jahre)


Loeb, Ernst 23.06.1891

(zum Zeitpunkt der Deportation 51 Jahre)

Loeb, Erna geb. Kahn 24.07.1905

(zum Zeitpunkt der Deportation 37 Jahre)





Günter Löb

 

 Loeb, Günter 24.05.1927

(zum Zeitpunkt der Deportation 15 Jahre)

 

Günters Vater Ernst Loeb kam aus Bayern, war im 1. Weltkrieg Soldat gewesen und hatte dann den elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb geleitet.

 

Günters Mutter Erna Friederike Kahn war Ingelheimerin, besuchte hier zunächst die Volksschule und Realschule, später die Höhere Mädchenschule in Mainz. Sie arbeitete vor ihrer Heirat im „Nassauer Hof“ in Karlsruhe, einem jüdischen Hotel.

 

 

Seine Eltern haben 1924 geheiratet. Sie übernahmen den Betrieb der Großeltern mütterlicherseits und bauten Wein, Gemüse und Obst in Ingelheim an.

Am 24. Mai 1927 wurde Günter Loeb als einziges Kind seiner Eltern in Ober-Ingelheim geboren.
Er wohnte mit seinen Eltern Ernst und Erna und seiner Oma Emilie in der Bahnhofsstraße in Ingelheim.

Günter besuchte zunächst die Volksschule in Ingelheim,nach dem Schulverbot der Nazis dann die Jüdische Bezirksschule in Mainz und die Berufsfachschule der jüdischen Kultusvereinigung in Frankfurt.Dort begann er eine Ausbildung als Schlosser.

1937, als Günter 10 Jahre alt war wurde ihr Haus in der Bahnhofstraße von der Familie Weidenbach gekauft und Familie Loeb zog mit der Oma in den Oberen Zwerchweg 24 um.

Im gleichen Jahr beantragte Günters Vater eine Ausreisegenehmigung in die USA. Er hatte die Wartenummer 30 005 der Visumsantragsteller.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörten Schlägertrupp Loebs Wohnung. Günter war zu der Zeit elf Jahre alt. Auch die Synagoge in Ingelheim, die Synagoge in Mainz und die Jüdische Bezirksschule im Nebengebäude

der Synagoge in Mainz, die Günter zu der Zeit besuchte, wurden in der Pogromnacht zerstört. Sein Schulleiter Eugen Mannheimer beging an diesem Tag Selbstmord.

Am 30. September 1942 wurden Günter, sein Vater, seine Mutter und seine Oma von Darmstadt aus in den Osten verschleppt, vermutlich nach Treblinka. Treblinka war ein Vernichtungslager der Nationalsozialisten, in dem die verschleppten Menschen grausam vergast wurden.

Am 20. September 1943 wurden diese vier Menschen für tot erklärt.

Die einzig Überlebende der Familie, Günters Tante, erinnerte nach dem Krieg auf einer Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof in Ingelheim an ihre Familie:

„Die Namen meiner Mutter Schwester und Schwager und ihres Sohnes (Günter) die ermordet wurden in der Blüte ihrer Jahre.“

Günter war zum Zeitpunkt des Mordes 15 Jahre alt, sein Vater 52, seine Mutter 38.

Dieser Text wurde von Schülerinnen und Schülern der Albert-Schweitzer-Schule Ingelheim unter Anleitung von Frau Lilli Nonte verfasst und am 9. November 2011 an der Stele am Synagogenplatz vorgetragen: 

 

Die Abbildung zeigt die Häuser, vor denen die Stolpersteine gesetzt wurden. 

Die Stolpersteine in Ingelheim wurden auf Initiative der Anti-Gewalt und Rassismus-AG (AGAG) der Integrierten Gesamtschule Kurt Schumacher 17 "Stoplersteine " durch den Kölner Künstler Gunter Demnig gesetzt. Die Arbeitsgemeinschaft  wurde von der Stadtverwaltung unter Leitung von Oberbürgermeister Dr. Joachim Gerhard und dem Deutsch-Israelischen Freundeskreis unterstützt.