Deutsch-Israelischer Freundeskreis Ingelheim e.V.
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Stolpersteine

 Am Samstag, den 11. September 2010 werden in Ingelheim zwölf weitere Stolpersteine für die ermordeten und vermissten Angehörigen der Familien Langstädter/Kahn und Mayer in das Straßenpflaster gesetzt.

Die Verlegestellen sind:

- Stiegelgasse 25 (Synagogenplatz). Es war das Vorderhaus der Synagoge.

Beginn: 9. 00 Uhr

- Neuweg 1

- Bahnhofstraße 129 (vor der Bushaltestelle, das Haus steht nicht mehr)

- Mainzer Straße 31

 

Zu den Familien

Familie Louis Ludwig Langstädter

Der Ober-Ingelheimer Lehrer Louis Ludwig Langstädter wohnte im Vorderhaus der Synagoge, Stiegelgasse 25. Während des Pogroms am 9. - 10. November 1938 wurde seine Wohnung verwüstet, so dass er zu seinem Schwager Leo Krauskopf nach Mainz ziehen musste. Von dort wurden er, seine Frau Betty, sein Schwager und seine Schwägerin Paula 1942 in den Osten deportiert. Informationen über ihren weiteren Verbleib liegen nicht vor. Die Ehepaare wurden höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Familie Salomon Kahn

Langstädters Frau Elisabeth (Betty) stammte aus der Familie Kahn, die im Neuweg 1 lebte. Ihre Schwester Paula hatte Leo Krauskopf in Ober-Ingelheim geheiratet. Ihre Tochter Lotte, die nach Frankreich fliehen konnte, wurde hier geboren. Auch ihr Bruder Harry wurde ermordet. Ihre Mutter floh vor 1939 nach Paris. Betty Langstädter verkaufte ihr Elternhauses 1939 an Familie Winternheimer. Die 73-jährige Rieke Kahn wird nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris im Mai 1940 keinen Ausweg mehr gesehen haben und flüchtete in den Tod. Für sie, Paula und Leo Krauskopf und Harry Kahn werden Stolpersteine vor dem Anwesen Neuweg 1 in das Straßenpflaster gesetzt.

Familie Moritz Mayer

Kurz bevor die Bahnhofstraße in den Ober-Ingelheimer Markt einmündet, dort wo heute die Bushaltestelle ist, betrieb die Familie Moritz und  
Henriette Mina Mayer seit 1863 eine Kohlenhandlung. Da viele Familien Mayer hießen, wurden sie „Kohlen-Mayer“ genannt. Sie hatten sechs Kinder. Moritz Mayer starb früh. Sein Sohn Martin verkaufte 1934 die Handlung. Vermutlich wirkte sich der Boykott der jüdischen Geschäfte von 1933 auch hier negativ aus. Moritz Frau Henrietta Mina Mayer lebte in dem Haus noch bis 1939 zur Miete und zog dann nach Mainz. Sie wurde am 28. September 1942 im Alter von 81 Jahren über Darmstadt ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 13. Oktober 1942 an den Folgen der Haft. Für sie und ihre Söhne Ferdinand und Robert werden Stolpersteine vor der früheren Kohlenhandlung in der Bahnhofstraße (heute 129) gesetzt. Das Haus steht heute nicht mehr.

Zwei Kinder von Henrietta Mina und Moritz Mayer konnten sich retten. Die älteste Tochter Alice Babette, verh. Löwensberg und der jüngste Sohn Martin emigrierten in die die USA. Von ihren elf Enkelkindern lässt sich nachweisen, dass neun gerettet wurden, weil sie rechtzeitig ins Ausland gebracht werden konnten, Margot wurde ermordet und ein Schicksal ist unbekannt.

Familie Otto Mayer

Eine Tochter vom „Kohlen-Mayer“, Olga, war mit Otto Mayer verheiratet, und hieß auch weiterhin Mayer. Otto Mayer arbeitete als Kaufmann und Weinhändler und engagierte sich in der Nieder-Ingelheimer Sanitätskolonne. Die Familie zog mit ihren drei Kindern mehrmals innerhalb von Ingelheim um. Zuletzt mietete sie in der Mainzer Straße 31 (Weingut Mett) im 1. Stock drei Zimmer, Küche und Bad. Otto Mayer wurde erstmals nach dem Novemberpogrom 1938 verhaftet und im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Otto und Olga Mayer schafften es Anfang 1939, ihre beiden jüngeren Kinder Ruth und Berthold nach England in Sicherheit zu bringen. Im September 1939 zogen sie mit ihrer Tochter Margot nach Mainz. Otto Mayer wurde 1942 im Emslandlager Neusustrum inhaftiert und starb an den Folgen der Haft.

Margot Mayer wurde im März 1942 in den Osten deportiert und wahrscheinlich in einem Vernichtungslager bei Lublin ermordet.

Foto: Meyer 1998, S. 368 

Olga Mayer wurde im September 1942 in den Osten deportiert. Wahrscheinlich ist, dass sie dort in einem Vernichtungslager ermordet wurde. Für Olga, Otto und Margot Mayer werden in der Mainzer Straße 31 Stolpersteine gesetzt.

Ruth Mayer, die nach England entkommen konnte und später in die USA emigrierte, besuchte Ingelheim 1998 auf Einladung des Deutsch-Israelischen Freundeskreises und der Stadt Ingelheim am Rhein. 

 

 

Verneigung vor den Opfern

Sieben Stolpersteine wurden 2008 vor die Häuser gesetzt, in denen jüdische Ingelheimer gelebt haben, die ermordetet wurden oder deren Schicksal ungewiss ist. Die meisten erinnern an Familienangehörige der Besucher, die im November 2008 n und des Deutsch-Israelischen Freundeskreis Ingelheim e.V. zu Gast waren. Zwei Steine wurden auf Initiative der Hausbesitzerin verlegt:

 

Mainzer Str. 14

Lina Koch, JG. 1883, deportiert 1942, Piaski, ???

 Alfred Koch, JG. 1886, deportiert, Auschwitz, ermordet 1942

 

Stiegelgasse 51

Ernst Simon Eisemann, JG. 1891, deportiert, Auschwitz, ermordet 1943

 

Bahnhofstr. 23

Karl Neumann, JG. 1872, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 1943

Luise ’Lilly’ Neumann, geb. Mayer, JG. 1882, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 1944

 

Bahnhofstr. 79

Moritz Neumann, JG. 1878, deportiert 1942, Theresienstadt, ???

Hedwig Neumann, geb. Roos, JG. 1883, deportiert 1942, Theresienstadt, ???

 

Das Projekt Stopersteine wurde von dem Kölner Künstler Gunter Demnig zur Erinnerung an die Vertreibung und Ermordung der Juden und anderer Verfolgter durch die Nazi-Diktatur ins Leben gerufen (siehe www.stolpersteine.com). Er setzte auch die Steine. Die Initiatoren wollen damit erreichen, dass diesen Menschen gedacht wird und ihr Schicksal unvergessen bleibt. Wer lesen will, was auf den Steinen geschrieben steht, muss man sich herunterbeugen. Dieses Verneigen ist eine Geste der Ehrerbietung vor den Opfern. Die Steine aus Messing wurden auf dem Gehweg eingelassen. 

 Die Stolpersteine erinnern an: Lina und Alfred Koch, Mainzer Str. 14, Karl und Luise ’Lilly’ Neumann, Bahnhofstr. 23, Moritz und Hedwig Neumann, Bahnhofstr. 79 und Ernst Simon Eisemann, Stiegelgasse 51.

 Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrkräften von vier Ingelheimer Schulen forschten über die Personen und waren bei der Verlegung der Steine anwesend. Die Stadtverwaltung und das Bauamt halfen bei der technischen Durchführung.

Die Stolpersteine wurden im Rahmen der Begegnungswoche mit Juden, die aus Ingelheim stammen und deren Kindern und Enkeln am Samstag, den 8. November 2008 der Öffentlichkeit übergeben.

 

Am 3. Oktober 2008 wurden Stolpersteine für folgende Personen verlegt:         


1. Stelle: Stolpersteine für die Geschwister Lina und Alfred Koch , Mainzer Str. 14,

 

Die Patenschaft übernahm die Albert-Schweitzer-Schule unter Leitung von Frau Nonte.
Lina Koch lebte hier, gegenüber von der Remigius-Kirche. Ihre Eltern besaßen vor dem 1. Weltkrieg eine Düngemittelfabrik im Blumengarten. Zur Reichspogromnacht war Lina Koch 57 Jahre alt. Auch in ihre Wohnung drangen die Nazis ein und demolierten sie. Sie flüchtete zur Familie Heinrich und Salomon Strauß, die eine Metzgerei im Saalgebiet hatte. Auch dort waren die Nazis gewalttätig und Lina wurde von einem SA-Mann geschlagen. Lina Koch wurde dann verhaftet. Geld, Schmuck und ihr gesamter Grundstücksbesitz mitsamt dem Gelände der Düngemittelfabrik ihrer verstorbenen Eltern abgenommen und enteignet. Lina Koch wohnte nach ihrer Freilassung in Mainz und wurde 1942 im Alter von 61 Jahren nach Polen deportiert. Ihr Bruder Alfred war in Norddeutschland verheiratet. Er wurde nach Auschwitz deportiert und 1942 dort ermordet.

 

  Stolperstein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2. Stelle: Stolpersteine für Karl und Luise ’Lilly’ Neumann , geb. Mayer,
Bahnhofstr. 23   
Die Patenschaft übernahm die Realschule unter Leitung von Frau Müller-Algesheimer.

 Karl Neumann betrieb zusammen mit seinem Bruder Moritz die Weinhandlung Laufer. Der älteste entzifferbare Grabstein von Lillys Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße stammt aus dem Jahr 1885. Ihre Vorfahren sind in Ingelheim bis ins 18. Jahrhundert nachzuweisen. Sie waren also „Alte Ingelheimer“. Während der Reichspogromnacht vor 70 Jahren wurde die Wohnung in der Bahnhofstraße 23 zerstört und unbewohnbar gemacht. Karl und sein Sohn Hans wurden 1938 für ein paar Wochen im KZ Buchenwald interniert. Karl und Lilly zogen nach Wiesbaden, wurden von dort im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Hans Neumann schaffte es im Januar 1939, in die USA auszuwandern. Die AZ schrieb dazu einen Artikel am 5.01.2009 .

 

 

 

 Schülerinnen und Schüler der Kaiserpfalz Realschule Ingelheim

verlesen die Lebensgeschichte von Karl und Lilly Neumann in Anwesenheit

ihres Sohnes Harry und von Enkeln und Urenkeln aus den USA und aus Deutschland.

 StolpersteineStolpersteine

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Stelle: Stolpersteine für Moritz und Hedwig Neumann, geb. Roos,
Bahnhofstr. 79
Die Patenschaft übernahm das Sebastian-Münster-Gymnasium unter Leitung von Frau Susanne Schwark.

 

Moritz Neumann war hier zusammen mit seinem Bruder Karl Teilhaber an der Weinhandlung Laufer. Nach der Machtübernahme durch die nationalsozialistische Diktatur liefen die Geschäfte so schlecht, dass die Brüder das Geschäft 1938 schließlich verkaufen mussten. Sie lebten dann in Wiesbaden, bis sie ca. 1942 von dort ins KZ Theresienstadt deportiert wurden und dort umkamen. Die AZ schrieb dazu einen Artikel am  8. Januar 2009 .
 

 

  Stolpersteine

 4. Stelle: Stolperstein für Ernst Simon Eisemann
Stiegelgasse 51   
Die Patenschaft übernahm die Integrierte Gesamtschule unter Leitung von Frau Schrader.

 Ernst-Simon Eisemann wurde hier als Sohn des Kolonialwarenhändlers Josef Löb Eisemann und seiner Frau Emma geboren. Er wurde Diplomingenieur und heiratete Meta Offenbacher aus Marktredwitz. Sie ließen sich in Nürnberg nieder. Nach der Geburt ihrer Tochter Ellen 1927 starb die Mutter. Ernst Simon heiratete Metas verwitwete Schwester Lola. Sie bekamen zwei weitere Kinder. Ernst Simon Greif wurde nach Auschwitz deportiert und wurde dort am 28.1.1943 ermordet. Lola war 1939 bereits mit den drei Kindern nach Amerika ausgewandert. Die älteste Tochter Ellen war zu diesem Zeitpunkt 12 Jahre alt. Ellen heiratete 1948 Lucien Greif. Die Eltern von Lucien und Ida Greif lebten von 1913 bis 1924 in Ingelheim und zogen dann nach Mainz um und wanderten später in die USA aus.

 

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Die ersten Stolpersteine wurden am 7. August 2006 vor die Häuser gesetzt, in denen die Menschen ihren letzten Wohnsitz hatten, die am 20. September 1942 deportiert wurden. Es war nicht in allen Fällen das Haus, in dem sie den größten Teil ihres Lebens verbracht haben. Manche mussten seit 1933 im Zuge der Arisierung ihren Besitz zangsveräußern. Sie wurden in kleinere Wohnungen zwangseingewiesen.

Laut Verzeichnis der Stadt Ingelheim am Rhein vom 21. September 1942 (Das Faksimile des Schreibens ist in Meyer 1998, Seite 500 abgedruckt) wurden am Vortag folgende Personen deportiert, die sich selbst als Juden bezeichneten bzw. denen das Jude-Sein zugeschrieben wurde:

 

Schäfer, Artur 17.10.1894 Bingerstr. 4

(zum Zeitpunkt der Deportation 48 Jahre)

Schäfer, Betty geb. Bendorf 01.02.1904

(zum Zeitpunkt der Deportation 38 Jahre)

Schäfer, Inge 18.09.1927

(zum Zeitpunkt der Deportation 15 Jahre)

 

 

Nussbaum, Gustav 11.01.1874 Mainzerstr. 78

(zum Zeitpunkt der Deportation 68 Jahre)

Nussbaum, Berta geb. Neuman 15.09.1879

(zum Zeitpunkt der Deportation 63 Jahre)

Nussbaum, Lotte 20.06.1920

(zum Zeitpunkt der Deportation 22 Jahre)

 ....Lebensgeschichte

 

 

Gunter Demnig bei der Verlegung der Stolpersteine

für Familie Nussbaum vor dem Anwesen Mainzerstr. 78

Eisemann, Marius geb. am 01.12.1890, Stiegelgasse 51

(zum Zeitpunkt der Deportation 52 Jahre)

Eisemann, Thekla geb. Teutsch 27.06.1902,

(zum Zeitpunkt der Deportation 40 Jahre)

 . .....siehe Lebensgeschichte der Familie Eisemann

Mayer, Johanna geb. Kapp 23.11.1880 Heimesgasse 14

(zum Zeitpunkt der Deportation 62 Jahre)

... siehe Lebensgeschichte Familie Nussbaum 

 

Oppenheimer, Sofie geb. Stein 03.10.1874 Heimesgasse 6

(zum Zeitpunkt der Deportation 68 Jahre), Mutter von Friederike Anna Werthheim

Wertheim, Josef 02.01.1893 Heimesgasse 6

(zum Zeitpunkt der Deportation 49 Jahre)

Wertheim, Friederike Anna geb. Oppenheimer 04.03.1903

(zum Zeitpunkt der Deportation 39 Jahre)

Wertheim, Renate 20.03.1935

(zum Zeitpunkt der Deportation 7 Jahre)

 

Kahn, Emilie geb. Loeb 25.05.1879 Oberer-Zwerchweg 24,

(zum Zeitpunkt der Deportation 63 Jahre)

 

Loeb, Ernst 23.06.1891

(zum Zeitpunkt der Deportation 51 Jahre)

Loeb, Erna geb. Kahn 24.07.1905

(zum Zeitpunkt der Deportation 37 Jahre)

Loeb, Günter 24.05.1927

(zum Zeitpunkt der Deportation 15 Jahre)

 

Die Abbildung zeigt die Häuser, vor denen die Stolpersteine gesetzt wurden. 

Die Stolpersteine in Ingelheim wurden auf Initiative der Anti-Gewalt und Rassismus-AG (AGAG) der Integrierten Gesamtschule Kurt Schumacher 17 "Stoplersteine " durch den Kölner Künstler Gunter Demnig gesetzt. Die Arbeitsgemeinschaft  wurde von der Stadtverwaltung unter Leitung von Oberbürgermeister Dr. Joachim Gerhard und dem Deutsch-Israelischen Freundeskreis unterstützt.