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Dies ist die Langfassung des Beitrags von Klaus Dürsch zur Gedenkfeier auf dem Synagogenplatz in Ingelheim am 9. November 2007 Zur Erinnerung an die Familien Nussbaum, Kapp und Mayer Stolpersteine für Gustav, Berta und Lotte Nussbaum im Straßenpflaster vor dem Anwesen Mainzerstraße 78. Drei der Stolpersteine in der Mainzer Straße 78 erinnern an die Familie Nussbaum. Heute will ich das Schicksal von Ruth Kapp-Hartz, einem Enkelkind aus dieser Familie schildern. Gustav und Berta Nussbaum hatten drei Kinder, Oskar, Lissy und Lotte. Lissy Nussbaum heiratete am 22.12.1931 Benno Kapp aus Hechtsheim. Das junge Paar mietete sich das Haus Nr. 41 in der Bahnhofstraße (damals Nr. 5). Dort führten sie ein Konfektionsgeschäft und wohnten im 1. Stock. 1933, als Nazis schrien: „Kauft nicht bei Juden!“ ging der Umsatz zurück. 1934 mussten sie das Geschäft aufgeben und auch die Wohnung konnten sie nicht halten. Sie planten die Auswanderung. Sie bekamen eine Wohnung bei einer jüdischen Familie zugeteilt, wo sie bis zu ihrer Ausreise 1936 ins britische Mandatsgebiet Palästina wohnten. In diesen zwei Jahren waren sie arbeitslos. 1936 emigrierte das Ehepaar Kapp nach Haifa. In Haifa wurde am 21.11.1937 ihre Tochter Ruth geboren. Die Familie verließ Palästina 1939 wieder und zog nach Paris. Dort hin war Lissys Bruder Oskar Nussbaum geflohen. Als ihnen die Ausweisung drohte, meldete sich Benno Kapp zur Fremdenlegion. Ihm und seiner Familie wurde auf diese Weise der Schutz vor Ausweisung garantiert. Die Lage verschärfte sich. Kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Paris im Juni 1940 flüchten Lissy und ihre Schwägerin mit ihren Kindern aus der Stadt. Sie wollen Frankreichs unbesetzten Süden erreichen. Dies war ein riskantes Unterfangen, denn das Vichy-Regime fürchtete eine wirtschaftliche Destabilisierung und schickte gefasste Flüchtlinge zurück in den Norden. Viele Flüchtlinge gelangten nur mit Hilfe von teuer bezahlten Schleusern, die man damals „Passeur“ nannte, in die unbesetzte Zone. Damit sie nicht gefasst wird, wechselt Lissy ständig den Wohnsitz. Ihr Ziel ist Toulouse. Heinrich Kapp, der Bruder ihres Mannes, hält sich dort mit seiner Frau Sophie und ihrer Tochter Jeanette auf. Heinrich hatte sich zur Fremdenlegion gemeldet und ist ebenfalls in Marokko. Lissy findet in der Nähe ihrer Schwägerin eine schäbige Bleibe. Ihre Hauptbeschäftigung für die nächsten Monate ist, Nahrung aufzutreiben. Im Schutz der Dunkelheit verlässt sie jeden morgen das Haus, um auf den Märkten nach den knappen Nahrungsmitteln zu suchen. Die Flüchtlinge sorgen sich um ihre Familien in Ingelheim und Hechtsheim. Es besteht kein Kontakt mehr. Sie hören nur schreckliche Gerüchte. Als Ruth Kapp in den Kindergarten kommt, gibt ihre Cousine Jeanette ihr den französischen Namen Renée. Sie sollte nicht auffallen. Schon als fünfjährige lernt Ruth, ihre Identität zu verbergen. Zuerst kommt ihr Onkel Heinrich 1940 aus der Fremdenlegion zurück, dann ihr Vater Benno 1941. Ihr Vater findet eine illegale Beschäftigung. Das Leben in Toulouse ist gefährlich. Französische Polizei und Spezialeinheiten suchen nach Illegalen. Eines Tages entgeht die Familie nur knapp der Gefangennahme. Sie flieht nach St. Juery, einen kleinen Ort in der Nähe von Albi in Südfrankreich. Dort hin hat sich bereits Lissys Bruder Oskar geflüchtet. In dieser Gegend operiert eine Widerstandsgruppe, die auch jüdische Flüchtlinge versteckt. Für Ruth bestand das Leben bisher nur aus Flucht von einer Wohnung in die andere. Auch in St. Juery leben sie als Illegale gefährlich. Die Familie erlebt mehrmals, dass nachts Flüchtlinge aufgegriffen und in Lager gebracht werden. Als sich die Lage immer mehr zuspitzt, wird Ruth in einem Waisenhaus versteckt. Erst mit dem Einmarsch der Alliierten in diese Region im August 1944 brauchten sich die Menschen nicht mehr zu verstecken. Oskar Nussbaum kehrt bald nach Paris zurück. Er erhält nur mit großen Schwierigkeiten seine Wohnung zurück. Die deutsche Besatzungsmacht hatte sie an einen Franzosen verkauft. Ruth Kapp und ihre Familie bleiben noch über ein Jahr in Südfrankreich. Im Februar 1946 ziehen sie nach Paris. Ruth erinnert sich noch, wie die Leute sie anstarrten. Die meisten Menschen reisten alleine. Es war eine Ausnahme, dass eine ganze Flüchtlingsfamilie es geschafft hatte, während all der Jahre zusammen zu bleiben. In Paris vermittelt ihnen eine französische Hilfsorganisation eine kleine Wohnung, stattet sie mit dem Nötigsten aus und sorgt für die medizinische Betreuung. Benno und Oskar Kapp verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit dem Zusammennähen von Regenmänteln. Ruth besucht die Schule und geht nachmittags zu einer jüdischen Pfadfindergruppe. Ein großes Anliegen der Familie ist die Suche nach den in Deutschland zurück gelassenen Verwandten. Sie fragten sich: „Wer hat überlebt?“ Nach und nach dringen Berichte über die Verbrechen der Nationalsozialisten an die Öffentlichkeit. Ende 1946 teilt ihnen das Rote Kreuz mit, dass Ruths Großeltern Gustav und Berta Nussbaum aus der Mainzer Straße 78 gefunden wurden. Sie waren zusammen mit ihrer Tochter Lotte am 20.9.1942 nach Theresienstadt deportiert worden und hatten überlebt. Auch sie ziehen nun mit in die kleine Pariser Stadtwohnung ein. Lotte Nussbaum ist in Auschwitz ermordet worden. Von den Geschwistern des Vaters hatte niemand überlebt. Heinrich Kapp wurde nach der Verhaftung in Toulouse zunächst in Frankreich interniert und dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Seine Schwester Johanna Mayer, die in der Heimesgasse 14 (siehe Stolperstein) verheiratet war, verließ Ingelheim im gleichen Transport wie Familie Nussbaum und wurde in Auschwitz ermordet. Ebenso erging es der zweiten Schwester Sittie. Heinrich Kapps Frau Sophie wurde in Toulouse mit falschen Papieren aufgegriffen, zunächst in Frankreich interniert und dann nach Auschwitz deportiert. Sie hatte die Befreiung des Lagers im Januar 1945 noch erlebt. Sie starb auf dem Rückweg zu ihrer Tochter nach Frankreich an Typhus. Jeanette blieb in Toulouse bei einer Pflegefamilie. Ruth wanderte 1958 in die USA aus. Sie heiratet dort und gründet eine Familie. Sie arbeitete als Übersetzerin und Lehrerin in Philadelphia. Stacy Cretzmeyer, eine Schülerin von Ruth Kapp, schrieb ihre Geschichte in den 90er Jahren auf. Bis dahin hatte Ruth niemandem über ihre Kindheit in Frankreich erzählt. Es entstand das Buch: „My name is Renée“. Es berührte mich, in einem in Amerika publizierten Buch Fotos von Menschen zu finden, die einmal hier in Ingelheim gelebt haben und deren Fotos hier aufgenommen wurden. Literatur: Deutsch: Stacy Cretzmeyer: Ruths Geschichte. Die abenteuerliche Rettung eines jüdischen Mädchens. Stacy Cretzmeyer 1999, My name is Renée, New York (Oxford Universtity Press). --- Die ältesten erhaltenen Unterlagen über ein jüdisches Geschäft in der Mainzer Straße 78 gehen auf das Jahr 1890 zurück. Dort betrieb Leopold Stern einen Textilwarenladen. Damals nannte man das Ellenwaren. Der Kaufmann Gustav Nussbaum heiratete 1901 Leopold und Franziska Sterns Tochter Rosa und stieg in das Geschäft seines Schwiegervaters ein. Gustav Nussbaum wurde am 20.9.1942 zusammen mit seiner zweiten Frau Berta, geb. Neumann und der Tochter Lotte nach Auschwitz deportiert. Lotte Nussbaum wurde ermordet, Gustav und Berta überlebten und siedelten zu ihren Kindern nach Paris.
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