Dieser Brief einer Cousine aus Frankfurt an Lina Koch zum jüdischen Neujahrsfest im Jahre 1900 ist erhalten geblieben. Für die Geschwister Lina und Alfred Koch wurden am 3.10.2008 auf Wunsch der heutigen Hausbesitzerin Frau Brigitte Luithle Stolpersteine für die ermordeten früheren Bewohner dieses Hauses gesetzt. Frau Luithle wollte auf diese Weise ein Andenken an diese Familie setzen. Schülerinnen und Schüler der Albert-Schweitzer-Schule Ingelheim verlasen dazu folgenden Beitrag: Lina Kochs Eltern heirateten im August 1880. Sie hießen Heinrich und Veronika Koch. Sie besaßen in Ingelheim im Blumengarten eine Düngemittelfabrik. Lina wurde am 23. Mai 1881 geboren und gehörte wie ihre Eltern dem jüdischen Glauben an. Ihre beiden 5 Jahre jüngeren Zwillingsbrüder Alfred und Friedrich kamen 1886 zur Welt. In der Düngemittelfabrik ihres Vaters waren über 20 Arbeiter beschäftigt, sie lief gut. Linas Vater wurde in den Gemeinderat von Nieder-Ingelheim gewählt. Die Familie lebte in der Mainzer Str. 14, gegenüber der Remigius-Kirche. Zu dem 2-stöckigem Wohnhaus gehörten ein Wohnhausanbau, ein Wirtschaftsgebäude mit Anbau, ein Stall und eine Scheune. Lina gehörte im Karnevalsverein zu den „Tanzgirls“, offensichtlich tanzte sie gerne. Als Lina 31 Jahre alt war, starb ihr Vater. Mit 33 Jahren erlebte sie den Beginn des 1. Weltkriegs mit, als dieser zu Ende war, war Lina 37 Jahre alt. Wahrscheinlich musste in dieser Zeit die Düngemittelfabrik geschlossen werden. Linas Bruder Alfred heiratete 1929 und zog nach Norddeutschland. Sein Zwillingsbruder Friedrich konvertierte zum katholischen Glauben und wohnte ebenfalls nicht mehr in Ingelheim. Als Hitler an die Macht kam, war Lina Koch 52 Jahre alt. Ihre Mutter Veronika starb 4 Jahre später. Lina wohnte nun alleine in der Mainzer Straße 14. Als Lina 57 Jahre alt war, fand in ganz Deutschland – und auch in Ingelheim – die Reichspogromnacht statt. Auch in die Wohnung von Lina Koch drangen Nazi-Rowdys ein und demolierten alles. Sie selber flüchtete zur Familie Heinrich und Salomon Strauß, die eine Metzgerei im Saalgebiet hatte. Auch dort waren die Nazis gewalttätig und Lina wurde von einem SA-Mann geschlagen. Lina Koch wurde dann verhaftet, weil sie im Besitz von Goldmünzen war. Und ihr wurden Geld, Schmuck und ihr gesamter Grundstücksbesitz mitsamt dem Gelände der Düngemittelfabrik ihrer verstorbenen Eltern abgenommen. Der Gesamtbesitz war über 45.000 m² groß! Lina Koch zog nach ihrer Freilassung trotz eines Zuzugverbotes nach Mainz und wohnte dort erst in der Hindenburgstr. 19, dann in der Gartenfeldstraße 2b und zuletzt im Kaiser-Wilhelm-Ring 54. Sie lebte dann noch kurz in Darmstadt und wurde 1942 – mit 61 Jahren – nach Polen deportiert. In Polen wird alles – auch die Sprache – erschreckend fremd für sie gewesen sein. Sie wurde am 25. März 1942 in die kleine Stadt Piaski verschleppt, die in der Nähe von Lublin liegt. Dort war ein Ghetto errichtet worden. Aus Polen wurden dorthin mehrere tausend, aus Westdeutschland ca. 5000 Juden verschleppt. In den „Ghettohäusern“ lebten die Menschen unter katastrophalen Lebensbedingungen. Und wurden alle dort umgebracht oder in Vernichtungslager gebracht. Stolpersteine für Lina und Alfred Koch in der Mainzer Straße 14
Lina Koch kam in das Vernichtungslager Belzec. Von den Entkleidungsbaracken führte der „Schlauch“, ein schmaler von Stacheldraht begrenzter 70 Meter langer Weg, zu den Gaskammern. Dort wurde Lina Koch aus Ingelheim aus diesem Haus in der Mainzer Str. 14 am 1. November 1944 vergast. Begründung: Sie war jüdischen Glaubens. Eine unmenschliche, unverantwortliche Lebensgeschichte von 6 Millionen Lebensgeschichten aus dieser Zeit, die nie mehr vorkommen darf und die wir zutiefst bedauern. Lilli Nonte, Albert-Schweitzer-Schule Ingelheim 03.10.2008 Quellen: • Mündliche Informationen der Historikerin Dr. Christina Goldmann • Informationen von Klaus Dürsch • Meyer /Mentgen: Sie sind mitten unter uns, Ingelheim 1998 • Internetseiten: www.yadvashem.org http://de.wikipedia.org/wiki/Piaski http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Ghettos_in_der_Zeit_des_Nationalsozialismus http://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungslager_Belzec http://www.belzec.org.pl/ http://www.zchor.org/belzec/belzec.htm http://www.deathcamps.org/belzec/index.html Artikel in der AZ vom 4.1.2009
In jenen Jahren war die Zeit gefroren: Eis soweit die Seele reichte... (Rose Ausländer)
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