Der jüdische Friedhof „Hugo-Loersch-Straße“ Blick über den Friedhof (Foto: M. Schlotterbeck)
Die in Ingelheim erhaltenen vier jüdischen Friedhöfe stammen aus der Neuzeit. Der älteste nachweisbare Grabstein lässt sich auf das Jahr 1726 datieren. Wahrscheinlich kamen sie nach Ingelheim, weil der kurpfälzische Fürst seinen „Schutzjuden“ erlaubte, sich im Gebiet der Kurpfalz begraben zu lassen. Die vier in der Ingelheimer Gemarkung bekannten jüdischen Friedhöfe sind:
1. Im Saal Nieder-Ingelheim, ca 1761-1935, 25 Grabsteine und Grabsteinfragmente 2. Hugo-Loersch-Straße, ca. 1836 – 1938 (letzte Belegung), andere Namen: Im Ritterschloss, Distrikt Breitbach, Frei-Weinheimer Weg, Im Sohl; 3. Rotweinstraße 1932 – 1941 4. Außenliegend, Groß-Winternheim, ca. 1752 – 1903, für die Juden aus Groß-Winternheim und Schwabenheim.
Der älteste entzifferbare Grabstein auf dem Friedhof Ingelheim "Hugo-Loersch-Straße". Er stammt aus dem Jahr 1842. Hier wurde Mosche, Sohn des Seligmann (der Krämer Jakob Kahn) begraben. (Foto: Schlotterbeck) Entstehung: Aus erhaltenen Urkunden geht hervor, dass der Kauf des Grundstücks nach 1836 erfolgte. Bisher wurden die Ingelheimer Juden auf dem Friedhof vor der Mauer der Kaiserpfalz in Nieder-Ingelheim begraben. Wahrscheinlich wurde dieser Platz zu klein. (Meyer, Sie sind mitten unter uns, S. 534f.). Der älteste entzifferbare Grabstein stammt aus dem Jahr 1842. Das letzte Begräbnis fand 1938 statt.
Lage: Zur Entstehungszeit lag der Friedhof außerhalb der Stadt. Erst später wuchsen die Ortsteile Ober-Ingelheim und Nieder-Ingelheim zusammen.
Größe 1.031 qm. Es sind 143 Grabsteine erhalten, davon sind 20 Doppelgräber mit zwei oder mehr Personen.
Beerdigungsriten Es gibt leider wenige Hinweise darauf, wie die Beerdigung in Ingelheim stattgefunden haben.
Es lässt sich nur einiges Grundsätzliches zur jüdischen Beerdigung sagen. Es gab und gibt in den jüdischen Gemeinden eine Beerdigungsbruder- bzw. – schwesternschaft, welche die Aufgabe hat, die Kranken zu besuchen und den Sterbenden und ihren Angehörigen in der Todesstunde beizustehen und nach dem Tod für eine würdige Bestattung zu sorgen. Die Toten werden nach einem genau vorgeschriebenen Ritus gewaschen. Es werden ihnen schlichte Totenkleider angelegt. Den Männern wird zusätzlich ihr Gebetsmantel um die Schultern gelegt, nachdem die Schaufäden abgerissen wurden. Die Schaufäden sollten zu Lebzeiten an die Einhaltung der Gebote erinnern. Es ist am besten, in Jerusalem begraben zu werden. Denn laut einer Tradition wird der Messias in Jerusalem am Goldenen Tor des Tempels ankommen. Da dies nicht für alle Juden möglich ist, wird ihnen ein Säckchen mit Erde aus dem Land Israel unter den Kopf gelegt. Sie werden mit Blick nach Jerusalem begraben. In Deutschland werden die Toten in einen Sarg gelegt. In Israel besteht auch der Brauch, die Toten unmittelbar ins Grab zu legen. Die Trauerfeier findet üblicherweise in der Trauerhalle statt. Der Rabbiner hält eine Trauerrede und der Sohn des Toten spricht das Totengebet (Kaddisch).
Auf dem Friedhof reißen die Angehörigen als Zeichen der Trauer ihre Kleidung ein. Danach wird der Tote zum Grab begleitet. Das ist eine religiöse Pflicht (Mizwa).
Danach trauern die Angehörigen sieben Tage um den Toten (Schiwa sitzen)
Mit dem Ende der Schiwa beginnt die 30tägige Trauerzeit vom Zeitpunkt der Beerdigung an gezählt. Für Vater und Mutter wird die Trauerzeit um weitere 30 Tage verlängert.
Am Jahrestag des Toten (Jahrzeit) besuchen die Hinterbliebenen die Synagoge und spre-chen das Totengebet und entzünden eine Kerze (Jahrzeitlicht). Bei der ersten Jahrzeit wird in der Regel der Grabstein gesetzt.
Quelle: Grübel, Judentum. Köln 1997; de Vries, Jüdische Riten und Symbole. Grabstein von 1844 Grabstein von 1905
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