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Aus dem Beitrag von Klaus Dürsch zur Gedenkfeier auf dem Synagogenplatz in Ingelheim am 9.11.2009 Zur Erinnerung an die Familie Karl und Lilly Neumann
Stolpersteine für Karl und Lilly Neumann im Straßenpflaster vor dem Anwesen Bahnhofstr. 23. Karl und Lilly Neumann waren die Eltern von Harry Neuman, der mit seiner Familie im November 2008 hier zu Besuch war. Sie wurde nach Theresienstadt deportiert. Die Lebensumstände im KZ führten zu ihrem Tod. Karl Neumann leitete mit seinem Bruder Moritz die Weinhandlung Laufer in der Bahnhofstraße. Sie verkauften zunächst Geräte für den Weinbau und betrieben später Weinhandel. Sie verschickten den Wein aus Ingelheim nach ganz Deutschland. Karl und Lilly Neumann vor ihrem Geschäft, der Weinhandlung Laufer, Ecke Bahnhofstraße/Taunusstraße. Gleich 1933 begann der Niedergang des Geschäfts, ausgelöst durch den Boykott: „Kauft nicht bei Juden“. Zunächst war die Weinhandlung nicht so stark betroffen. Die Bestellungen wurden schriftlich aufgegeben. Dann machte es die Nazi-Regierung zur Auflage, dass aus dem Briefkopf des Unternehmens hervorgehen musste, dass es jüdisch war. Der Umsatz ging 9November 2009Rede 2/14.11.09 zurück. Die Brüder entschlossen sich 1937 zu verkaufen. Angesichts der Umstände war deutlich, dass das Geschäft unter Wert veräußert werden musste. Karl und Lilly Neumann wohnten weiterhin in der Bahnhofstraße 23 - bis zum Pogrom am 10. November 1938. Ihr Sohn Harry Neumann erzählte, wie er als Schlosserlehrling nach seinem Arbeitstag mit dem Zug aus Wiesbaden nach Hause kam / und die Hausbesitzerin Frau Thierbach neben dem Hausrat stand, den der Pöbel inzwischen aus dem Fenster geworfen hatte. Er packte sich einen Koffer und suchte zwischen den Trümmern ein paar für ihn notwenige Alltäglichkeiten heraus. Von diesem Zeitpunkt an konnte Familie Neumann nicht mehr in der Wohnung leben. Frau Thierbach richtete ihm den Gruß seiner Mutter aus: sie befände sich bei Verwandten in Mainz. Karl Neumann und sein Sohn Harry wurden für zwei Wochen im KZ Buchenwald inhaftiert. Beide wussten nicht voneinander, dass sie dort waren. Die Eintragung im Einwohnermeldeamt lautet: am 12.12.1938 nach Wiesbaden abgemeldet. Karl und Lilly Neumann wurden am 1. September 1942 von Frankfurt aus nach Theresienstadt deportiert. Karl Neumann kam dort am 7. März 1943 im Alter von 70 Jahren um und Lilly am 10. April 1944 im Alter von 61 Jahren. Ihr Schicksal ist auch in der Sonderausstellung im Museum an der Kaiserpfalz dokumentiert, die ich ihnen hiermit sehr empfehle. Im letzten Jahr wurden zwei Stolpersteine für Karl und Lilly Neumann vor ihrem Wohnhaus eingelassen. Es war ein bewegender Moment, als ihr Sohn Harry seiner Familie seine Geschichte dort erzählte. Die drei Kinder von Karl und Lilly Neumann konnten Deutschland rechtzeitig verlassen. Harry und seine Schwester Lee hatten das Glück, dass sich in Amerika eine Tante befand. Sie übernahm die Bürgschaft. So erhielten sie ein Visum. Im Zeitzeugengespräch letztes Jahr vor Zehntklässern sagte Harry Neuman: "Ich komme hierher, um jene zu unterstützen, die Unrecht sehen und dagegen protestieren. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern - aber die Zukunft. Ich habe zwar als Einzelner nur einen kleinen Einfluss. Aber wenn genügend Menschen gegen das Unrecht aufbegehren, dann werden sie gehört. Unrecht beginnt immer auf eine etwas andere Weise. Deswegen müssen wir dafür sensibel werden, wenn es geschieht. Denn die Folgen sind immer die gleichen. Und wenn wir nicht dagegen tun, dann werden auch unsere eigenen Familien davon betroffen." Die Botschaft von Harry Neumann ist eine Botschaft für die Zukunft.
Sie soll uns die Augen öffnen für unsere Verantwortung für die eine Welt. Wir tragen Verantwortung für die Flüchtlinge, die im Mittelmeer und im Atlantik vor unseren Urlaubsstränden ertrinken. Eine Antwort ist, den Menschen in Afrika zu einem Leben zu verhelfen, das sie nicht aus ihrer Heimat flüchten lässt. Wir sind verantwortlich für die Einbindung unserer Migrantenbevölkerung und dürfen die Bemühungen nicht allein den Sozialarbeitern und Lehrern überlassen. Bei der letzten Bundestagswahl nahm die Zahl der rechten Stammwähler zu. Jugendliche unter 18 Jahren hätten sogar mehr rechts gewählt als die Wahlberechtigten. Rechte Parteien werden also nicht nur von Altnazis gewählt. Der Antisemitismus zeigt nach wie vor seine Fratze. Der Holocaust wird geleugnet. In Karikaturen werden die mittelalterlichen antijüdischen Stereotype aufgegriffen und zu einer unlauteren Kritik an Israel benutzt. Wir hier in Ingelheim sind im Vergleich zu anderen Regionen gesegnet. Lassen wir in unseren Bemühungen nicht nach, unseren geistigen und materiellen Reichtum einzusetzen für Schalom. Der hebräische Begriff umfasst mehr als das deutsche Wort Frieden: Ganz sein, vollkommen sein. Dazu gehören Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit der Menschen ohne Ansehen von Geschlecht, Rasse, Religion und Herkunft, ein Ausgleich zwischen Arm und Reich. Lassen Sie mich mit dem bekannten Zitat des evangelischen Theologen Martin Niemöller enden. Ich greife es heute auf, weil Harry Neumann es im letzten Jahr den Schülerinnen und Schülern mit auf den Weg gab: Als sie die ersten Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; denn ich war kein Kommunist. Als sie die ersten Juden holten, habe ich geschwiegen; denn ich war kein Jude. Als sie die ersten Katholiken holten, habe ich geschwiegen; denn ich war kein Katholik. Als sie mich holten, war niemand mehr da, der seine Stimme hätte erheben können. Lassen Sie uns den Kreis derer, um die wir uns sorgen, nicht zu klein ziehen.
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